Erinnerung
Erika Wagner ein Künstlerportrait
Leuchtend rot spannt sich die gestrickte Arbeit durch den Raum, hält sich mit einem Arm an der Wand fest, löst sich am andern Ende in mehrere Lappen und schliesslich in ein Gewirr von Fäden auf. In der Mitte ein Zentrum, ohne Ausgang - eine Erinnerung an einen Pullover. Die roten Fäden werden netzartig weiter gesponnen. Sie klettern über die Wand, steigen hinauf und umgarnen kleine Zeichnungen auf Dias, auf denen Fragmente von menschenleeren Orten, Hände oder Gesichter abgebildet sind. Kleine stille Szenen aus dem Alltag, die Gefühle ausdrücken und auslösen. Manchmal entstehen Knoten, einige Fäden enden in einem Knäuel auf dem Boden. - Erinnern Sie sich?
Die Arbeit, die Erika Wagner nach der Sommerpause bei art one zeigte, trägt den Titel „Erinnerung“. Alte Dias aus der Kindheit, die sie in einer grossen Schachtel bei ihren Eltern fand, dienten als Ausgangsmaterial. Die Künstlerin stellte sich zur Aufgabe, zurück an Erinnerungsorte ihrer Kindheit zu gehen und zu beobachten, was für Gefühle und Reaktionen dieses gedankliche Zurückgehen im jetzigen Moment auslösen würde. Während des mehrwöchigen Strickens kamen die Gedanken ins Rollen und es fand ein Prozess statt, der ein zwiespältiges Gefühl auslöste. Auf der einen Seite freute sie sich über Erinnerungen an glückliche unbeschwerte Momente, die Gefühle von Geborgenheit und Schutz auslösten, auf der andern Seite fühlte sie sich je länger je mehr in der Vergangenheit gefangen. Mit der Zeit wurden die langen Ärmel schwer, das warme Rot begann zu brennen. Die Erinnerungen waren in die Arbeit hineingestrickt. Der entstandene Körper, der an einen Pullover, aber auch an eine Barriere erinnert, die in signalhaftem Rot den Durchgang durch den Raum versperrt, wird für den Betrachter zur Projektionsfläche eigener Erinnerungen und Sehnsüchte. Die Künstlerin zeigte die Arbeit erstmals bei ihrem Diplom an der HGK Luzern. Dazu projizierte sie als Kontrast ein leeres Dia an die Wand: als Symbol für ein Fenster, für Sehnsucht und Wunschbild, ein Hinweis auf die ungewisse Zukunft aber auch als Leerstelle und Symbol für das Vergessen. Für die Installation bei art one wurde der Faden durch die Künstlerin wieder aufgenommen und weitergesponnen.
Zeit ist das zentrale Thema in Erika Wagners Arbeiten. Eigentlich ist Zeit etwas Unfassbares, Uferloses. Im Bestreben ein eigenes Vokabular zu entwickeln, geht sie wie eine Forscherin mit diesem Thema um. Sie beschäftigt sich mit Fragen nach der Strukturierung des Alltags und wirft ein besonderes Augenmerk auf das Wahrnehmen des Zeiterlebens. Sie beobachtet gerne über lange Zeit die gleichen alltäglichen Situationen und empfindet eine Faszination für die Wiederholung. Immer wieder hat sie zum Beispiel den Blick aus dem Küchenfenster mit der Kamera festgehalten. Je nach Wetter, sieht man den Pilatus. Oft sind es nur kleine Abweichungen, die das Alltägliche sichtbar machen. Zur Dokumentation benützt sie die Kamera. Im Moment ist sie am Archivieren der Fotos, am Aufschreiben von Ideen und neuen Gedanken. Dieser Prozess des Schreibens und Handelns ist ähnlich wie das Stricken. Es entstehen neue Assoziationen, weiterführende Gedanken, und schliesslich neue Arbeiten.
Nun sitzen wir an diesem sonnigen Septembertag in einer Gartenwirtschaft mitten in Zürich, wo die Zeit für einen Moment still zu stehen scheint. Wir nehmen uns Zeit für das Gespräch. Konzentriert und ruhig spricht Erika Wagner über ihre Arbeit. Sie erzählt mir von einer Performance, die sie während eines Studienaufenthalts in Finnland machte. Die Kommunikation in dem kleinen Dorf, in dem sie lebte, war schwierig und sie blieb während des ganzen Aufenthalts Beobachterin. Das Wahrnehmen dieser Grenze zwischen ihr und den Bewohnern des Ortes, war der Auslöser für die Performance. Sie begab sich während drei Stunden zwischen zwei halbtransparente Plastikfolien in einen grossen Fensterrahmen und schrieb mit Filzstift auf Englisch oder Deutsch Fragen an die Sprache und das gegenseitige Verstehen auf die Folie. Einige Personen nahmen den Dialog mit ihr auf und schrieben auf der andern Seite des Plastiks ebenfalls in ihrer Sprache etwas auf. Die Schriftzeichen wurden immer dichter und wurden einerseits eine Art Versteck, anderseits boten sie die Möglichkeit zur Kontaktnahme.
Performance ist eine Kunstform, die Erika Wagner sehr interessiert, weil sie mit ihrem eigenen Körper als Werkzeug mit den Faktoren Zeit und Bewegung arbeiten kann. Die Konzentration ist ganz auf die Wahrnehmung des Augenblicks gerichtet. Durch diese Aufmerksamkeit öffnet sich ein neuer Raum. Ein Raum für Bilder, die durch Handlung erzeugt werden. Den Augenblick festhalten, loslassen, sich erinnern.
Erika Wagner (1974, lebt und arbeitet in Luzern)
(aso)